Interview: Dr. Katharina Lang

taiji_infoTaiji und Qigong
Bewegungsabläufe mit positivem Einfluss auf Körper und Psyche.

Frau Dr. Lang, Sie praktizieren seit knapp 10 Jahren Taiji und Qigong und sind hauptberuflich Taiji- und Qigong-Lehrerin. Was genau ist das eigentlich und wo liegen die Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten von Taiji und Qigong?

 

Übungen zur Lebenspflege

 

Von der Wortbedeutung her ist Taiji – eigentlich Taijiquan - „die höchste Kunst der Faust“ (im Deutschen auch als „Schattenboxen“ bekannt) und Qigong beschreibt alle Tätigkeiten, die der Lebensenergie (= Qi) zuträglich sind. Beide sind quasi Geschwister der gleichen Eltern – nämlich der chinesischen Kultur und Lebensphilosophie – und man kann sowohl Taiji als auch Qigong mit dem Begriff „Übungen zur Lebenspflege“ überschreiben. Das Taiji geht dabei mehr in die Richtung der Kampfkunst, Qigong als das „Arbeiten am Qi“ dagegen schon eher ins Medizinische. Letzteres ist übrigens viel älter und noch vielfältiger als das Taiji. Qigong ist seit ca. 2000 v. Chr. bekannt, während Taiji sich erst vor ungefähr 600 Jahren entwickelt hat. Bei beidem geht man allerdings davon aus, dass es aus der Beobachtung von Tierbewegungen entwickelt wurde.

 

Vorbeugung und Heilung zugleich

 

Können Taiji und Qigong sowohl therapeutisch als auch präventiv eingesetzt werden?

Ja, beides kann gleichzeitig zur Vorbeugung und auch zur Heilung körperlicher und psychischer Probleme praktiziert werden. taiji_info1
Es gibt im Qigong neben den allgemeinen gesundheitsschützenden Übungen sogar ganz spezielle Übungsreihen z.B. bei Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Nierenerkrankungen etc.
Beide Formen fördern die Gesundheit, indem sie zugleich entspannen und stärken, einen positiven Einfluss auf Herz und Kreislauf, Muskeln und Bewegungsapparat, Verdauung und Psyche haben. Im Qigong kann man durch die schon erwähnten speziellen Übungen für bestimmte Organe bzw. Körperregionen eine gezieltere Wirkung erreichen. Taiji ist da eher ein „Gesamtpaket“, dafür ist es durch seine komplexeren Bewegungsabfolgen auch aufwendiger zu erlernen.
Im Taiji und Qigong ist es wichtig, gleichzeitig zu den Bewegungen die Gedanken zu leiten. Ein chinesisches Sprichwort lautet: „Achte auf deine Gedanken! Sie sind der Anfang deiner Taten.“ Man sagt, als erstes wirke im Körper der Gedanke, dann folge das Qi und dann das Blut. So kann man sich ja z.B. auch die Hände warm denken, aber man muss sich dafür eben voll konzentrieren.

 

Gesundheitsförderung für jedes Alter

 

Kann man Taiji/Qigong in jedem Alter erlernen?

Ja, so lange man sich im Alltag im normalen Rahmen und einigermaßen schmerzfrei bewegen kann, sind Taiji und Qigong in jedem Alter erlernbar und förderlich für die Gesundheit.

Muss man unbedingt einen Kurs belegen, um Taiji oder Qigong zu lernen oder geht das auch mit Hilfe von Büchern bzw. Videos?

 

Ich würde zum Erlernen immer Kurse mit Lehrer/in empfehlen, weil man da einfach immer wieder korrigiert wird, wenn Haltung und Abfolge noch nicht so ganz stimmen und man sich somit keine Fehlhaltungen angewöhnt. Wenn man eine Folge beherrscht, sind bebilderte Bücher bzw. Videos zur Auffrischung durchaus sinnvoll. Natürlich ist in Gruppen außerdem der positive soziale, kommunikative Aspekt nicht zu vernachlässigen. Meine Präventions-Kurse werden übrigens von allen Krankenkassen bezuschusst.

 

Deutliche Erfolge durch regelmäßiges Üben

 

Wie oft sollte man denn in der Woche üben, um eine positive Wirkung zu erzielen?


Einmal in der Woche ist auf jeden Fall besser als nichts, aber nicht wirklich ausreichend. taiji_info2
Am besten sollte man täglich seine Übungen praktizieren – auch, wenn es zu Anfang nur zwei Minuten am Tag sind. Irgendwann dehnt man diese Zeit ganz automatisch aus und erzielt dann mit deutlich längeren Übungszeiten täglich auf Dauer wahrnehmbare Erfolge. Dies belegen auch aktuelle Studien.
 
Eins Sein mit sich und der Umwelt

Was fasziniert Sie selbst am meisten an Taiji und Qigong?

Dass ich als ganzer Mensch angesprochen werde – körperlich wie psychisch. Zum einen in meiner eigenen Wahrnehmung und zum anderen in der Frage, wie ich zu etwas stehe, wie geerdet ich bin und welche Haltung ich zu meiner Umwelt einnehme. Außerdem begeistert mich immer wieder das Zusammenspiel von körperlicher Bewegung mit dem Lenken des Geistes und dem ruhigen Fluss des Atems - das Eins Sein mit mir und meiner Umwelt. Und dass ich das alles aus dem Taiji und Qigong mit  in meinen Alltag nehme.

Xìexie (chinesisch, sprich : chjechje) – vielen Dank, Frau Dr. Lang, für dieses Gespräch!